201802.01
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Rede von Daniela Bergdolt auf der Siemens-HV 2018

Sehr geehrte Damen und Herren,

sehr geehrter Herr Vorsitzender,

mein Name ist Daniela Bergdolt und ich vertrete Aktionäre, die ihre Stimmrechte auf die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz übertragen haben.

2017 sind Umsatz und Ergebnis gestiegen, die Dividende wird erhöht. Siemens liefert, die Aktionäre könnten zufrieden sein, nur der Aktienkurs dümpelt vor sich hin. Stichtagsbedingt haben wir ein Plus von 2,47 %. Betrachtet man das Geschäftsjahr, so ist die Entwicklung zwar besser, aber die Multibles sind lang nicht so, wie sie eigentlich sein sollten. Damit können wir leider die Konkurrenz nicht schlagen, so wie wir das mit dem Ergebnis und dem Umsatz im Moment tun.

Was ist der Grund dafür, dass die Story im Markt nicht ankommt?

Eigentlich hätte der Kurs doch explodieren müssen, mit der Ankündigung, dass nun Healthineers an die Börse geht.

Damit komme ich bereits zu den zwei heute wohl wichtigsten Themen:

Das erste Thema ist der Börsengang von Healthineers.

Die zweitprofitabelste Sparte des Hauses wird nun an den Markt gebracht. Diese hat im letzten Jahr 18,1% Marge abgeliefert. Noch immer ist bei vielen Aktionären nicht angekommen, warum dieser Weg gegangen wird. Warum trennt sich Siemens gerade von einem so profitablen Unternehmensbereich? Warum gibt man diesen aus der Hand?

Und in welchen Umfang wird Healthineers an die Börse gebracht? Zurzeit geht es nur um eine Minderheit; Sie sagen, man will einen signifikanten Anteil halten. Was soll man darunter verstehen?

Der Zeitplan des Börsengangs ist ambitioniert, bis Ende April soll der Börsengang eigentlich vonstatten gegangen sein. Können Sie uns etwas mehr über die Konditionen des Börsenganges sagen? Nachdem ein Teil des Vermögens der Aktionäre aus der Hand gegeben wird, sollten Sie die Siemens-Aktionäre auch an dem Erlös und der Emission besonders teilhaben lassen – durch einen Bonus im nächsten Jahr und durch eine niedrigere Zeichnungskurs für Siemens-Aktionäre!

Bitte nehmen Sie hierzu Stellung!

Die zweite Frage, die sich daran anschließt, ist der Umbau des Unternehmens.

Es gilt das Motto „Die Einzelteile dieses Unternehmens sind mehr wert als die Summe der Einzelteile.“

Herr Kaeser, Sie sind auf der Suche nach einer Unternehmensform moderner Prägung. Viele befürchten, dass Siemens zu einer Finanzholding umgebaut wird. Irgendwo in der Mitte scheint die Wahrheit zu liegen.

Vielleicht können Sie uns sagen, wie es weiter gehen soll. Was verstehen Sie denn unter der Strategie 2020+?

Es ist sicher richtig, dass sich die Marke Siemens immer und permanent verjüngen muss. Schon Stillstand ist in der heutigen Zeit Rückschritt. Das Tempo ist immens, aber welche Unternehmensteile werden denn noch abgespaltet? Sie sprechen von einer Unternehmensflotte, in die dieser Siemens-Tanker umgebaut werden soll. Das klingt ein bisschen, als würde alle Unternehmensbereiche an die Börse gebracht werden.

Von diesem Punkt komme ich ganz automatisch zur Kraftwerkssparte.

Da gab es gerade in letzter Zeit erhebliche negative Schlagzeilen in der Presse. Weltweit wird Siemens wegen der Schwäche bei den Großturbinen über 6000 Arbeitsplätze abbauen, davon rund 3000 in Deutschland.

Die Nachricht führte zur erheblichen Unstimmigkeiten und negativer Kommentare der Gewerkschaften und der Politik. Ganz grundsätzlich ist jeder Stellenabbau eine schlechte Nachricht und jeder davon Betroffene ist zu bedauern. Auf der anderen Seite haben sich die Zeiten geändert und die Zeiten haben sich auch bei Siemens geändert.

Früher wurden Probleme der einzelnen Unternehmenssparten ausgesessen, man hat nicht oder oft zu spät reagiert. Ich muss nur an die Telekom-Sparte von Siemens erinnern. Heute erkennt man Probleme schon frühzeitig und reagiert darauf.

Ich finde es besser zu reagieren, als einen Geschäftsbereich, der Verluste macht und keine Zukunft hat, weiter durchzuziehen, nur weil man im Moment die Mittel hat, quer zu subventionieren. Wir haben es auch schon erlebt, dass Geschäftsbereiche, die aufgrund dieser Einstellung behalten wurden, das große Ganze erheblich belastet haben. Und die Zahlen aus Q 1 zeigen, dass Siemens handeln muss.

ABER: Stellenabbau muss das letzte Mittel sein. Gibt es keine andere Möglichkeit? Ich nehme Sie in die Verantwortung: Versuchen Sie eine andere Lösung zu finden!

Mein Kritikpunkt ist dabei, dass die Kommunikation dieses Vorganges äußerst schlecht lief. Die Protestwelle hätte man in dieser Form vermeiden können, wenn man besser kommuniziert hätte. UND……..Ihre Äußerungen, Herr Kaeser beim Trump-Dinner waren nicht geeignet, die Wogen zu glätten.

Manchmal ist weniger mehr …

Mein Punkt ist: Ich finde es bedauerlich, dass Siemens, der Vorstand und das Unternehmen wegen schlechter Kommunikation so durch den Kakao gezogen wird, obwohl es so viele spannende, wichtigere und positive Diskussionspunkte gibt.

Kommen wir zu Siemens Gamesa.

Wie geht es dort weiter? Gamesa ist deutlich hinter seinen Möglichkeiten geblieben. Der operative Gewinn sank. Der Start der neuen Strategie aus dem Tanker Schnellboote zu machen, ist in diesem Fall gründlich danebengegangen. Gamesa erinnert im Moment eher an eine überladene Barkasse, die auch noch leckgeschlagen ist.

Wie geht es weiter? Die Aussichten haben sich inzwischen verbessert durch einen Großauftrag aus Ägypten. Geht die Marge aufs Jahr gesehen weiter zurück oder kann man diese nun stabilisieren?

Der Umbau bei Siemens führte auch dazu, dass die Bahn-Division mit Alstom fusioniert werden soll. Der Vertrag wird nun im ersten Quartal 2018 abgeschlossen werden. Wie sehen die Konditionen des Zusammenschlusses aus? Was sagen die Kartellbehörden zu diesem Zusammenschluss?

Das laufende Geschäftsjahr wird erstmals durch Währungsverschiebungen wieder belastet werden. Ein Thema, das Siemens seit langem nicht mehr auf dem Radarschirm hatte. Der Euro wird immer stärker, obwohl alle prognostiziert hatten, dass er sich abschwächen wird. Was bedeutet dies nun präzise?

Waren die Erwartungen Ihrer siemenseigenen Währungshüter falsch? Wurden Sie auf dem linken Fuß erwischt? Und kommt es deshalb zu einen dreistelligen Millionenbelastung im laufenden Geschäftsjahr? Wie sieht es mit dem weiteren Hedging aus? Mit welchem Dollarkurs rechnen Sie im laufenden Geschäftsjahr und mit welchem Dollarkurs im nächsten Geschäftsjahr.

Welche positiven Effekte können Sie aus der trump´schen Steuerreform ziehen? Analysten sprechen von bis zu 2 Milliarden Euro zusätzlichem Konzernüberschuss im Jahr. Ist diese Ziffer richtig gegriffen?

Zum Schluss möchte ich zur Tagesordnung kommen. Es werden vier neue Aufsichtsräte gewählt. Wir werden diesen Vorschlägen zustimmen. Herr Brandt erhält unsere Zustimmung, da er angekündigt hat, die vorhandene Ämterhäufung zu reduzieren. Wir werden also unsere Bedenken insoweit zurückstellen, nachdem er – wie angekündigt – die Ämter bei Lufthansa und Osram aufgeben wird.

Herr Snabe, Sie werden nun Herrn Cromme als Aufsichtsratsvorsitzenden nachfolgen. Ich habe bereits im letzten Jahr gesagt, dass Sie nicht nur ein würdiger, sondern auch ein sehr passender Nachfolger sind für die neue Ausrichtung von Siemens. Machen Sie diesem Unternehmen Dampf. Stillstand ist Rückschritt und ich glaube, Sie sind der richtige Mann, um die Digitalisierung weiter voranzutreiben. Sie verstehen sie nämlich.

Herr Cromme, Sie haben nun über viele Jahre hinweg als Mitglied des Aufsichtsrates und dann als Aufsichtsratsvorsitzender das Unternehmen begleitet und überwacht. Sie haben mit ruhiger Hand oft schwierige Entscheidungen treffen müssen. Ich denke hier insbesondere noch an die Compliance-Affäre. Sie haben Siemens gut getan. Danke für Ihre erfolgreiche Arbeit und für die Zukunft wünsche ich Ihnen alles Gute.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.