201812.14
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Rede von Daniela Bergdolt auf der Hauptversammlund der Linde AG am 12.12.2018

Sehr geehrte Damen und Herren,

sehr geehrter Herr Vorsitzender,

eine Ära geht zu Ende. Linde, eine alteingesessene Firma hier in München, in Bayern und in Deutschland ein Unternehmen, das an der Börse eine Instanz war, wird von der Börse genommen und geht in einem irisch-englischen Mantel auf. Die Aktionäre, die zum Teil seit Jahrzehnten Aktionäre dieser Gesellschaft sind, sind traurig und zum Teil sogar wütend. Ich kann das nachvollziehen, ich begleite Linde nun schon seit Jahrzehnten und was heute passiert ist das traurige Ende eines Kapitels, das leider gerade im Hinblick auf die Verschmelzung kein rühmliches war.

Es seien mir heute auch einige nachdenkliche, vielleicht wehmütige Gedanken erlaubt: Ich denke an den früheren Vorstandsvorsitzenden und dann langjährigen Aufsichtsratsvorsitzenden Dr. Hans Meinhardt Mr. Linde zurück. Herr Dr. Meinhardt hat Sie, Herr Prof. Dr. Reitzle zu Linde geholt. Ich frage mich, was Herr Dr. Meinhardt zu diesem Vorgehen sagen würde, ob er Ihre Pläne billigen würde oder ob er sich, so wie wir das heute sagen, im Grab umdrehen würde. Ich hatte einen hohen Respekt vor der unternehmerischen Leistung von Herrn Dr. Meinhardt und seinen Nachfolgern, ich hatte hohen Respekt vor der Art und Weise wie Linde immer mit den Aktionären umgegangen ist. Ich hatte hohen Respekt vor der vielleicht etwas bequemen Haltung eines sehr reichen Unternehmens, für das Aktionäre  wichtiger waren als der vielleicht letzte Euro, den man aus dem Unternehmen heraus presste. Die Zeiten haben sich geändert. Heute sprechen wir über den Squeeze Out, die verbliebenen Aktionäre, die nicht umgetauscht haben, werden aus dem Unternehmen herausdrückt. Es ist die Ära Linde an der deutschen Börse zu Ende.

Damit spielt auch keine wirkliche Rolle auf der heutigen Hauptversammlung mehr, ob und wie das letzte Geschäftsjahr oder das  Geschäftsjahr 2018 gelaufen ist. Es war gut. Wir haben eigentlich nichts anderes erwartet, um das einmal sehr deutlich zu  sagen. Es war besser als viele gedacht haben, aber wir werden über dieses Geschäftsjahr nicht mehr wirklich sprechen. Die Mitarbeiter sind darüber vielleicht enttäuscht. Ich kann das gut verstehen, denn neben den vielen Arbeiten, die aufgrund der Verschmelzung auf sie zugekommen sind, hatten sie natürlich  auch noch ein gutes Geschäftsjahr hingelegt. Das war sicher eine ganz großartige Leistung. Deshalb von meiner Seite auch ein Dankeschön an die Belegschaft, die im Sinne der alten Linde AG, im Sinne dieses unternehmerischen Geistes und im Sinne dieser respektvollen Art zu arbeiten und zu schaffen, großes geleistet haben.

Heute geht es aber nur mehr um den Squeeze out. Der Squeeze out an sich ist rechtens. Ein Aktionär, der mehr als 90 % alle Aktien in einer Hand hat, kann diesen verlangen. Dagegen können wir nichts tun, wir können ihn nicht verhindern. So ist es üblicherweise.

Aber hier könnten wir einen Sonderfall haben. Denn der Squeeze Out ist nicht ein für sich alleine stehendes Ereignis. Er ist eingebettet in eine Reihe von Maßnahme, die alle unter dem großen Thema der Fusion Linde-Praxair stehen. Der Squeeze Out war von Anfang an ein Teil dieser Fusion. Er war bereits geplant, als das sog. BCA geschlossen worden ist und er war bereits geplant, als viele ihre Aktien umgetauscht haben. Hätte es also eine Abstimmung über das BCA gegeben, dann wäre schon damals über den Squeeze Out als Maßnahme dieses Pakets mit abgestimmt worden. Es gab aber keine Abstimmung über das BCA. Dies könnte nun dazu führen, dass der Squeeze Out Beschluss heute rechtsmissbräuchlich ist. Wären die Aktionäre nämlich zum BCA gefragt worden, hätten sie den Squeeze Out verhindern können – so können sie es nicht mehr.

Wir werden also prüfen, ob ein Squeeze Out in dieser Situation durchgeführt werden darf und ggf. Rechtsmittel einlegen. Aus diesem Grunde werden wir gegen den Squeeze out Beschluss stimmen und Widerspruch zu Protokoll einlegen.

Wenn der Squeeze Out dann bestehen bleiben kann, dann wird ein Spruchverfahren kommen. Es bleibt uns dann nur noch die Frage, ist die Bewertung der Abfindung, die hier angeboten wird, angemessen, ist sie zu niedrig, und wenn ja, warum ist sie zu niedrig.

Meine Damen und Herren, die Bewertungsgutachten der Linde AG, die ich durchgearbeitet habe, zeigen deutlich, dass die Planung der Gesellschaft weiterhin nach oben zeigt. Die Entwicklung ist gut, die Entwicklung ist zum Teil sogar sehr gut in die Planung übernommen worden.

Inzwischen haben Sie auch erklärt, was es mit den nicht fortgeführten Geschäften auf sich hat. Die Bewertung dort, insbesondere für die ewige Rente, ist natürlich zu hinterfragen.

Bei der Bewertung spielt aber tatsächlich die Musik bei den Kapitalisierungszinsen. Hier ist der Basiszinssatz mit 5,5 % angegeben. Ich gehe nicht davon aus, dass dieser Basiszinssatz einer gerichtlichen Überprüfung in München standhält. Die letzten Beschlüsse, die wir von dort bekommen haben, gehen von einem Basiszinssatz von 5 % aus, also um 0,5 % niedriger. Allein das bedeutet schon einen Zuschlag, Sie können es in den Matrix-Unterlagen, die man uns über die Bewertung mitgegeben hat, sehen,.

Anzugreifen ist meiner Ansicht nach auch der Wachstumszuschlag, den Sie mit 1 % angesetzt haben. Dieses bedeutet, dass das Unternehmen davon ausgeht, nur 1 % Wachstum pro Jahr wirklich an seine Kunden weiter zu geben. Da orientiert man sich an der Inflationsrate. Wir gehen inzwischen wieder davon aus, dass es keine Deflation gibt, sondern eine Inflation, die bei ca, 2 % liegt. Warum Linde diese Inflation nicht über Preiserhöhungen an seine Kunden weitergeben soll, ist nicht nachvollziehbar. Auch hier ist meiner Ansicht nach also der falsche Wachstumszuschlag gewählt worden. Erhöht man beide Positionen einmal um die 1 % beim Wachstumszuschlag, einmal um 0,5 % beim Basiszinssatz, dann kommt man bereits auf einen erklecklichen Erhöhungsbetrag. Bitte nennen Sie uns, wie hoch die Abfindung dann wäre.

Nachzufragen ist, ob die Bewertung auch jetzt noch so richtig ist, nachdem man ja eine Vielzahl von Unternehmen verkaufen musste aufgrund der kartellrechtlichen Auflagen. Hier mag auch der Einschub erlaubt sein, dass ich inzwischen doch erhebliche Zweifel an der strategischen Richtigkeit dieses Vorgehens habe.

Wie Sie vielleicht aus früheren Hauptversammlungen wissen, habe ich eigentlich die strategische Richtigkeit und den strategischen Sinn dieser Verschmelzung nicht in Frage gestellt. Es war mir immer lieber, dass Linde Akteur ist und nicht in der passiven Situation steht einen Übernahmeversuch abwehren zu müssen. Deshalb fand ich die Verschmelzung mit Praxair gut und habe mich damals auch gegen den strategischen Vorschlag nicht gewehrt. Die Vorgehensweise und die Durchsetzung dieses Zusammenschlusses, das Wie, das war das, was mich auf die Barrikaden gebracht hat.

Die Frage ist aber immer, ob die jetzt durch die kartellrechtlichen Auflagen notwendig gewordenen Verkäufe dazu führen, dass man die strategische Richtigkeit dieses Vorgangs immer noch bejaht. Immerhin hatten Sie im BCA vorgetragen, dass Sie früher einmal vereinbart hätten,  nur Jahresumsätze von 3,7 Mio. USD und Operativergebnisses von USD 1,1 Mrd. verkaufen zu wollen. Dies würde die Schmerzgrenze für Unternehmenskäufe laut Ihren eigenen Einlassungen sein.

In BCA steht zum Beispiel, dass Linde akzeptiert, dass die kartellrechtlichen Verkäufe zu einem einmaligen negativen Effekt durch das jährliche EBIT DA von EUR 820 Mio. führen könnten oder zu widerkehrenden Effekten auf das EBIT DA von 2017/18 und 2019 von EUR 410 Mio. führen würden. Diese eigene Schmerzgrenze hat man nun weit gerissen. Deshalb die klare Frage an Sie Herr Prof. Dr. Reitzle:

Ist der Zusammenschluss jetzt strategisch überhaupt noch sinnvoll? Hätte man nicht die Reisleine ziehen sollen. Fullstop und nicht auf Biegen und Brechen eine One Man Show durchziehen.

Gehe ich Recht in der Annahme, ich beziehe mich auf die gutachterliche Stellungnahme zum Unternehmenswert Seite 96, dass der Verkauf dieser Unternehmen tatsächlich unter dem angesetzten Wert im Gutachten erfolgte, sodass der Wert der Linde mit einem negativen Betrag von immerhin EUR 1,253 Mrd. belastet wird? Inzwischen haben Sie die Abfindung um 1 € erhöht, da der Verkauf mehr erbrachte als von Ihnen gedacht. Das ist kein vertrauenserweckender Vorgang für die Fähigkeit die Werte der zu verkaufenden Unternehmen korrekt einzuschätzen. Kann es passieren dass auch bei anderen Verkäufen höhere Erlöse erzielt werden.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, dies ist nun das letzte Kapitel eines sehr traurigen Abschieds. Leider muss ich sagen, es ist auch kein rühmlicher Abgang. Linde und seine Aktionäre hätten es besser verdient.